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Der Beginn des Romans führt auf eine falsche Fährte. „An dem Tag, an dem unsere Geschichte beginnt“, heißt es dort. Nur ist es weder eine Geschichte, die der Roman erzählt, noch hat er einen wirklichen Beginn. Den kann er auch gar nicht haben, denn das literarische Debüt der marokkanisch-niederländischen Autorin Safae El Khannoussi erzählt viele Geschichten und hätte viele Anfänge verdient. Die Autorin selbst spricht von „orchestriertem Chaos“. Was sich im ersten Moment sperrig anhören mag, ist tatsächlich ein kunstvoll und sprachgewaltiges Stück Literatur, ein beeindruckendes Mosaik aus Figuren und deren Schicksalen, die sich jedoch alle in einem Punkt schneiden, und dieser Punkt ist die jüdisch-marokkanische Künstlerin Salomé Abergel.
Der erste Schauplatz: Amsterdam. Eine junge Frau namens Hind bezieht das Apartment einer Freundin ihres Chefs. „Salomé ist verreist“, sagt Hbib ihr, „wer weiß, wie lange, aber so wie ich die Situation einschätze, kommt sie vorläufig nicht zurück.“ Im Keller des Apartments findet Hind im Laufe des ersten Romanteils Gemälde, die Salomé zurückgelassen hat. Sie ist kurz vor der wahrscheinlich wichtigsten und größten Ausstellung ihres Lebens spurlos verschwunden.
Zeitgleich in einem Pariser Lokal, dem Le Souterrain. Besitzer dieser spelunkenhaften Einrichtung ist Irad Abergel, Salomés Sohn, der schon früh Amsterdam und seine Mutter verlassen hat und auf Umwegen – wie all die anderen gestrandeten Figuren in seiner Kneipe und in El Khannoussis Roman – in einer europäischen Hauptstadt landete. In diesem Fall der französischen. Im Le Souterrain lauscht Irad den von Erschöpfung oder Trunkenheit geprägten Worten seiner Gäste. Einer erzählt ihm vom Verschwinden seiner, also Irads, Mutter. Widerwillig kehrt Irad nach Amsterdam zurück, wo er auf Hind und Hbib trifft.
Es ist dasselbe Amsterdam, in dem auch Yousef Slaoui lebt, „der pissende Pilger“. Slaoui, die wahrscheinlich düsterste Gestalt im gesamten Roman, ertränkt sein Leben in Alkohol und Zynismus und schleppt sich durch die Stadt, geplagt von höllischen Schmerzen, von seiner Wohnung zu Arztpraxen und wieder zurück. Bis er eines Tages zufällig Salomé sieht. Ein Gesicht, das er sofort wiedererkennt und das ihn nicht mehr loslässt.
Slaoui hat in einem früheren Leben als Folterknecht für das autoritäre Regime des marokkanischen Königs Hassan II. gearbeitet, der politische Oppositionelle verfolgen, foltern, umbringen oder spurlos verschwinden ließ. Salomé war eine dieser politisch Oppositionellen. Als Studentin wurde sie in einem von Hassans Gefängnissen inhaftiert, in dem auch Slaoui die Insassen folterte. Slaoui erinnert sich an diese Frau, die in der Gefangenschaft ihren ersten und einzigen Sohn gebar.
Oroppa ist das umgangssprachliche arabische Wort für jenen Kontinent, der für viele Menschen, v.a. geflüchtete, ein Sehnsuchtsort ist, ein Versprechen, ein Hafen. Aber El Khannoussi zeigt uns in ihrem Roman ein anderes Europa, ein gleichgültiges, grausames, düsteres, kaltes Europa. Dabei macht sie nie den Fehler, die Geschichte auf diesen Aspekt zu reduzieren. Europa ist zwar titelgebend und einer der zentralen Bezugspunkte, aber im Kern geht es El Khannoussi um ihre Figuren. Es geht um Hind und Hbib, um Irad und Azzedine, um Hannah, Yousef Slaoui und um die sogenannten „Angsthefte“ einer namenlosen Dichterin. Durch ihre Leben und Biografien, Tragödien und Sehnsüchte kommen wir nach und nach dem Leben, der Biografie, den Tragödien und Sehnsüchten der Salomé Abergel näher. Ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart.
Gegen Ende der „Angsthefte“ schreibt die namenlose Dichterin einmal: „Der einzige Unterschied zwischen der Vergangenheit und der Halluzination besteht darin, dass Erstere eben doch auf die eine oder andere Art ihre Spuren hinterlässt – und diesen Spuren zu folgen ist ebenso eine Kunst, wie sie auszulöschen.“ El Khannoussi macht Ersteres. Sie hat einen Roman geschrieben, der diesen Spuren folgt, den chaotischen, verschlungenen Wegen migrantischer Biografien. Ein unbändiger, wilder Roman voll sprachlicher Wucht, der schon nach wenigen Seiten einen erstaunlichen Sog erzeugt, dem man sich trotz oder gerade wegen des Chaos und wegen El Khannoussis Fähigkeit, durch Sprache das Leben ihrer Figuren so lebendig und intensiv wie möglich zu machen, gerne überlässt. Ein wirklich beeindruckendes Debüt!
Jannik Schorn, Buchsalon Ehrenfeld, Köln