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Weil ich Ruth bin

Autor
Weber, Julia

Weil ich Ruth bin

Untertitel
Roman
Beschreibung

Ruth kommt mit einem Fell zur Welt und kann Menschen in Tiere verwandeln. Sie ist außergewöhnlich und zeigt dadurch, wie das Gewöhnliche eigentlich sein sollte.
In ihrem Roman Weil ich Ruth bin steigert Weber das Fantastische zu einer grandiosen Utopie von Körperlichkeit, Fürsorge, Kreativität und Zusammenleben.

Webers poetischer Text fasziniert durch die klar gezeichnete Protagonistin mit all ihren Ambivalenzen. Ihr feines Sensorium für Atmosphären und verhärtete Gefühlslagen macht nicht nur die offensichtliche Gewalt, sondern auch die winzigen Verletzungen im Zusammenleben überdeutlich. Ein Glück, dass Ruth Zauberkräfte hat! Der Roman bietet einen Gegenentwurf zu einer patriarchalen Sexualität, die von Gewalt geprägt ist, und setzt ihr eine Sinnlichkeit entgegen, die für diejenigen, die sie durch Ruth erfahren, alles verändert. So lädt das Buch dazu ein, darüber nachzudenken, welche Verwandlungen und welcher Zauber sich in unserer Gesellschaft anwenden ließen. Zauberhaft-realistisch lässt uns der Roman selbst ein bisschen verwandelt zurück.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Limmat, 2026
Seiten
464
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-03926-101-7
Preis
28,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Sie studiert literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, gründet den Literaturdienst und ist Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht sowie des feministischen Autorinnenkollektivs «RAUF». Julia Weber wurde bereits vielfach ausgezeichnet (u. a. Alfred-Döblin-Medaille, Franz-Tumler-Literaturpreis, Droste-Förderpreis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, Alemannischer Literaturpreis), sie lebt mit ihrer Familie in Zürich. Im Limmat Verlag sind die Romane «Immer ist alles schön» und «Die Vermengung» lieferbar.

Zum Buch:

Ruth kommt mit einem Fell zur Welt und kann Menschen in Tiere verwandeln. Sie ist außergewöhnlich und zeigt dadurch, wie das Gewöhnliche eigentlich sein sollte. Julia Weber, Absolventin des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel, las beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb 2021 aus einer früheren Fassung des Romans, mit dem sie an ihr letztes Buch, Die Vermengung, anknüpft, in dem die Figur der Ruth bereits angelegt ist. In Weil ich Ruth bin steigert Weber das Fantastische zu einer grandiosen Utopie von Körperlichkeit, Fürsorge, Kreativität und Zusammenleben.

Klassisch beginnt der Roman mit der Geburt der Protagonistin – aber was für einer! Ruth kommt mit einem dichten, dunklen Fell zur Welt, das ihre Mutter liebevoll pflegt. Auch die Mutter war mit einem Fell geboren worden, doch die Großmutter hatte tunlichst darauf geachtet, ständig jedes Härchen zu entfernen, um der Familie die Schmach des Andersseins zu ersparen. Ruths Mutter hingegen lässt der Kleinen das Fell, igelt sich aber aus Angst, Ruth könnte ausgeschlossen werden, mit der Tochter in symbiotischer Zweisamkeit in ihrer Wohnung ein. Ruth jedoch ist furchtlos und schlägt selbstbewusst vor, einen Kindergarten zu besuchen. Damit beginnt ihr Leben in einer Gesellschaft, die nicht bereit ist für jemanden wie sie. Hartnäckig, energisch und zugleich voller Zärtlichkeit zeigt Ruth – oft allein durch ihre Anwesenheit –, wie schön es anders sein könnte.

Mit Beginn der Pubertät fällt Ruth das Fell aus; ihre Zauberkräfte jedoch entfalten sich erst jetzt vollständig, und sie lernt, sie einzusetzen. Sie kann das Wetter ändern – von strahlendem Sonnenschein zu Platzregen und Gewitter in Sekunden. Sie kann Menschen – hier: Jungs oder Männer –, die sich Übergriffe erlauben, vorübergehend zur Unbeweglichkeit einfrieren. Und vor allem kann sie Menschen in Tiere verwandeln. Nach dem Schulabschluss widmet sie sich zum Broterwerb ausschließlich Letzterem: Auf der Straße spricht sie Menschen an, die offensichtlich schwer an ihrem Leben zu tragen haben, lädt sie zu sich ein, liebkost ihre Körper und verwandelt sie in ein Tier. Die Menschen tauchen beglückt, erleichtert und verwandelt aus dieser Erfahrung auf. Kein Wunder, dass sich Ruths Fähigkeiten herumsprechen und sie bald regelmäßig Besuch von verwandlungssehnsüchtigen Menschen bekommt, die ein Regenwurm, ein Rotkehlchen, eine Schlange, eine Languste oder ein Bär sein möchten.

Heiter ist das Buch deshalb aber nicht. Die Themen, um die sich die Erzählung dreht, sind häusliche Gewalt von Männern gegen ihre Frauen und toxische Beziehungen. Schon als Jugendliche nimmt es Ruth mit dem gewalttätigen Vater ihres Kinderfreundes Toni auf und muss doch akzeptieren, dass sie Toni durch die Gewalt in seiner Familie verliert. Ruths Freundinnen Lu und Linda, mit denen sie zeitweise zusammenlebt, haben jeweils unterschiedliche, aber gleichermaßen gewaltvolle Beziehungen zu Männern, die sie aus dem Leben treiben wollen. Und Ruths Mutter verliert in einer Beziehung jeden Lebensmut. Wütend setzt Ruth ihre Zauberkräfte ein – und kann dennoch nicht alles lösen.

Webers poetischer Text fasziniert durch die klar gezeichnete Protagonistin mit all ihren Ambivalenzen. Ihr feines Sensorium für Atmosphären und verhärtete Gefühlslagen macht nicht nur die offensichtliche Gewalt, sondern auch die winzigen Verletzungen im Zusammenleben überdeutlich. Ein Glück, dass Ruth Zauberkräfte hat! Der Roman bietet einen Gegenentwurf zu einer patriarchalen Sexualität, die von Gewalt geprägt ist, und setzt ihr eine Sinnlichkeit entgegen, die für diejenigen, die sie durch Ruth erfahren, alles verändert. So lädt das Buch dazu ein, darüber nachzudenken, welche Verwandlungen und welcher Zauber sich in unserer Gesellschaft anwenden ließen. Zauberhaft-realistisch lässt uns der Roman selbst ein bisschen verwandelt zurück.

Alena Heinritz, Innsbruck