Zum Buch:
„Im Allgemeinen ist bemerkenswert zu sein recht schwierig.“ Dieses Zitat von Joseph Conrad hat Gurnah seinem Roman vorangestellt und den Lesenden damit einen deutlichen Hinweis auf das gegeben, was sie von Diebstahl erwarten können und was vielleicht auch nicht. Denn „bemerkenswert“ ist an den Protagonisten dieses Romans – junge Menschen aus Tansania, mit ihrem je eigenen familiären Hintergrund und eigenen Wünschen, denen wir bei ihrer Entwicklung bis ins Erwachsenenalter zusehen dürfen – nicht viel oder, besser gesagt: nicht mehr und nicht weniger als an jedem anderen Menschen auch.
Am Anfang des Romans steht die schöne Raya, die als junges Mädchen von ihren Eltern mit einem deutlich älteren Mann verheiratet wird, um sie vor unwillkommenen Bewerbern zu schützen. Die Ehe ist unglücklich, und Raya flieht schließlich mit Karim, ihrem dreijährigen Sohn, zurück in ihr Elternhaus und später – ohne ihren Sohn – nach Daressalam, in die Großstadt. Karim wächst bei seinen Großeltern und später bei seinem älteren Stiefbruder auf und studiert dann in Daressalam Umwelttechnik. Danach lernen wir Badar kennen, der auf dem Land bei einer Familie aufwächst, die, wie sich herausstellen wird, nicht die seine ist, und die ihn mit 14 Jahren als Haushaltshilfe in die Großstadt schickt. Und schließlich kommt die schüchterne Fauzia ins Spiel, die als Kleinkind an der „Fallsucht“ litt und seitdem von ihrer Mutter ängstlich behütet wurde, sich aber dennoch mit ihrem Wunsch durchsetzt, Lehrerin zu werden.
Gurnah folgt aus distanzierter, aber immer liebevoller Perspektive der Entwicklung und dem Schicksal dieser drei, ihrer Freundschaft, aus der schließlich Liebe wird, ihren Träumen und Hoffnungen, ihren Wünschen, die sich erfüllen oder auch nicht. Weder wertet noch psychologisiert er, sondern erzeugt in klug montierten Erzählsträngen und einer täuschend einfachen Sprache quasi von selbst, aus dem Text heraus, ein Verständnis für den Zusammenstoß von traditionellen und „modernen“ Werten, für die gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen, die z.B. die wachsende Tourismusindustrie mit sich bringt.
Für mich war es gerade das Gefühl von „Mündlichkeit“ in Gurnahs Sprache, was die Lektüre so wunderbar und beeindruckend gemacht hat. Sie weckt Erinnerungen an das wohlige, gespannte Zuhören der Kindheit, als die Frage: „Und dann?“ noch wichtiger war als die Frage nach gut und böse, richtig und falsch. Und das erneut erleben zu können, ist ein seltenes, großes Glück.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.