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Lori

Autor
Mueller, Anousch

Lori

Untertitel
Roman
Beschreibung

Ein alter Bahnhof in Thüringen; die Strecke ist seit dem Krieg aufgegeben. Hier, einige Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, leben traditionell Menschen, deren Leben nicht in „normalen“ Bahnen verlaufen ist, sich zum Beispiel mit dem Staat oder der Justiz angelegt haben. 1985 ziehen hier Lenis Eltern und ihre fünf Geschwister ein. Für die Kinder ist es ein Paradies: Spielen und toben auf den stillgelegten und wild überwucherten Gleisen, ein großes Haus, Freiheit. Dem Vater, von Beruf eigentlich Architekt, jetzt aber als Sanitäter tätig, gelingt es, die traditionelle dörfliche Abneigung gegen die Bahnhofsbewohner zu überwinden, so dass auch die Dorfkinder zum Spielen auf das Gelände kommen dürfen. Freundschaften entstehen, die lange überdauern. Aber alles wird überschattet von einem großen Familiengeheimnis, dem Verschwinden der ältesten Tochter Lori, über das nie gesprochen wird, dessen Auswirkungen aber das Leben der gesamten Familie prägen.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck, 2026
Seiten
205
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-406-85124-7
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Anousch Mueller, 1979 in Erfurt geboren, studierte Jüdische Studien und Neuere deutsche Literatur. Als Journalistin schrieb sie für die Jüdische Zeitung, die Süddeutsche Zeitung, die Welt und die Berliner Zeitung. 2013 erschien ihr Debütroman “Brandstatt”, der mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung für das beste deutschsprachige Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr las sie bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Zum Buch:

Ein alter Bahnhof in Thüringen; die Strecke ist seit dem Krieg aufgegeben. Hier, einige Kilometer vom nächsten Dorf entfernt, leben traditionell Menschen, deren Leben nicht in „normalen“ Bahnen verlaufen ist, sich zum Beispiel mit dem Staat oder der Justiz angelegt haben. 1985 ziehen hier Lenis Eltern und ihre fünf Geschwister ein. Für die Kinder ist es ein Paradies: Spielen und toben auf den stillgelegten und wild überwucherten Gleisen, ein großes Haus, Freiheit. Dem Vater, von Beruf eigentlich Architekt, jetzt aber als Sanitäter tätig, gelingt es, die traditionelle dörfliche Abneigung gegen die Bahnhofsbewohner zu überwinden, so dass auch die Dorfkinder zum Spielen auf das Gelände kommen dürfen. Freundschaften entstehen, die lange überdauern. Aber alles wird überschattet von einem großen Familiengeheimnis, dem Verschwinden der ältesten Tochter Lori, über das nie gesprochen wird, dessen Auswirkungen aber das Leben der gesamten Familie prägen.
Anousch Mueller taucht tief hinein in das Leben dieser Familie, von dem wir in Vor- und Rückblenden durch Leni, die Ich-Erzählerin, erfahren. Bei ihren Versuchen, das Geheimnis zu lüften, springt sie zurück in die 1970er und 80er Jahre der DDR und vorwärts in die 90er. Dabei gelingen beeindruckende Bilder und Szenen. So konstatiert sie als Jugendliche etwa, dass die rasch aufeinander folgenden Schwangerschaften und Geburten der Mutter zwar ein Bedürfnis zu sein scheinen, sich aber je weniger in Fürsorge und Liebe verwandeln, je älter die Kinder werden. Der Ton wechselt immer wieder von der Schnoddrigkeit der Jugendlichen zu sachlichen, gut beobachteten Einblicken in Alltagsverhältnisse und tieftraurigen Selbstinspektionen, ohne je in Kitsch oder Klischees abzurutschen.

Nach und nach entfaltet sich so eine Familiengeschichte, die zwar mehrfach politisch grundiert ist, aber sich vor allem auf die familiären Auswirkungen vergangener Schuld und Verdrängung konzentriert und danach fragt, was Erinnerung bedeutet und wie man die echten von den falschen trennen kann. Wie entstehen Bilder, was bedeutet der Abriss alter städtebaulicher Ensembles für die Erinnerungskultur in Städten wie Cottbus? Wie verändern sich Lebensgeschichten über die Zeit –, eine Frage, die auch in einem wunderbar komischen kleinen Exkurs über den anscheinend sehr wilden, rebellischen jungen Honecker und dessen Entwicklung zum starren Hütchen- und Hornbrillen-Träger exemplifiziert wird.
Es sind solche Fragen, die Lori Tiefe geben und über manche der gängigen „DDR-Romane“ weit hinaustragen. Ein sehr lesens- und lohnenswertes Buch!

Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.