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Der letzte Sommer der Tauben

Autor
Khider, Abbas

Der letzte Sommer der Tauben

Untertitel
Roman
Beschreibung

Eine mitreißende Parabel: Der große neue Roman von Abbas Khider – wie totalitäre Herrschaft in den Alltag dringt.

Noah ist vierzehn Jahre alt und Taubenzüchter. Eines Tages flattern seine geliebten Tiere unruhig durch die Lüfte, über der Stadt kreisen die Helikopter des Kalifats. Noah erlebt einen Sommer voller Umbrüche: Für seinen Vater muss er Frauenkörper auf Produktfotos schwärzen, sein älterer Bruder steigt zum Leiter einer Sicherheitsbehörde auf, seine Mutter und seine Schwester dürfen nicht mehr allein aus dem Haus – und bald schon steht das Leben seiner Tauben auf dem Spiel. Mit großer Zartheit und feinem Humor erzählt »Der letzte Sommer der Tauben« vom Verlust der Kindheit und vom Erwachsensein in einer von Willkür und Gewalt bestimmten Gesellschaft.

Es ist ein nachtschwarzes, bedrückendes Szenario, das Khider hier in einzelnen Vignetten vor uns aufblättert, und ob der Hoffnungsschimmer am Schluss real oder ein Traum ist, bleibt ungewiss. Gewiss ist aber eins: so zärtlich wurde eine Welt inmitten von Bösartigkeit, Gewalt, Fanatismus und Korruption selten beschrieben und die Schönheit, Freiheit und Treue der Tauben dem von Menschen ausgelösten Grauen so anmutig entgegengesetzt. Es sind diese kleinen Szenen, die die Lektüre nicht nur erträglich, sondern zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2026
Seiten
216
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-446-28222-3
Preis
24,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman »Der falsche Inder«, es folgten die Romane »Die Orangen des Präsidenten« (2011) und »Brief in die Auberginenrepublik« (2013). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Bei Hanser erschienen von ihm »Ohrfeige« (Roman, 2016), »Deutsch für alle« (Das endgültige Lehrbuch, 2019), »Palast der Miserablen« (Roman, 2020) und »Der Erinnerungsfälscher« (Roman, 2022).

Zum Buch:

Erst stören Hubschrauber die Tauben auf, die über Noahs Elternhaus schwärmen, dann sieht er den schwarzen Rauch über dem Basar aufsteigen. Der IS hat das Kalifat ausgerufen, da muss verbrannt werden, was „unislamisch“ und was schön ist. Schön waren auch die Auslagen und Regale im Textilgeschäft von Noahs Vater: bunte, fröhliche Kleider, zarte Dessous in farbenfrohen Verpackungen, schmeichelnde Stoffe. Jetzt muss er dem Vater helfen, die Auslagen von allem zu säubern, was weiblich ist – die Gesichter auf den Prospekten und Verpackungen mit Filzstift schwärzen, bis nur noch die Augen zu sehen sind, und die Schaufensterpuppen unter dem Niqab verhüllen. „Onkel Ali sagte neulich, dass die Mudschahedin mehr Angst vor Frauenhaut hätten als vor der amerikanischen Marine.“

Noah ist vierzehn und begeisterter Taubenzüchter, einer von sehr vielen in einer Stadt, für die Tauben seit Jahrhunderten ein Symbol für Lebensfreude und Schönheit sind. Und die sich jetzt bis zur Unkenntlichkeit verändert. Statt fröhlicher Musik Koranklänge in den Bars und Cafés, statt Gelächter verängstigte Stille, Frauen huschen in Niqab und nur in männlicher Begleitung zum Einkaufen, das frühere fröhliche Treiben auf den Straßen abgelöst durch brutale Gewalt.

Ein Freund aus der Schule ist samt Familie verschwunden, ein anderer kehrt nach einem Aufenthalt im ISIS-Ferienlager als begeisterter Kämpfer für den Islam zurück. Und auch in der Familie spürt man die Folgen: Bakir, Noahs ältester Bruder, hat sich schon vor einiger Zeit den Mudschahedin angeschlossen; sein Name wird im Hause nicht mehr genannt. Der Mann seiner schwangeren Schwester, unter dem früheren Regime Polizist, sitzt im Gefängnis. Und seine alte Freundin wird, obwohl erst sechzehn, mit einem Deutschen verheiratet, Ralf Abu-Islam aus Mühlheim an der Ruhr. Die einzigen Konstanten neben Onkel Ali, der weiter seine Witze macht, sind Noahs Tauben. Bis auch sie nicht mehr fliegen dürfen …

Es ist ein nachtschwarzes, bedrückendes Szenario, das Khider hier in einzelnen Vignetten vor uns aufblättert, und ob der Hoffnungsschimmer am Schluss real oder ein Traum ist, bleibt ungewiss. Gewiss ist aber eins: so zärtlich wurde eine Welt inmitten von Bösartigkeit, Gewalt, Fanatismus und Korruption selten beschrieben und die Schönheit, Freiheit und Treue der Tauben dem von Menschen ausgelösten Grauen so anmutig entgegengesetzt. Es sind diese kleinen Szenen, die die Lektüre nicht nur erträglich, sondern zu einem unvergesslichen Erlebnis machen.

Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.