Zum Buch:
Julian Barnes, der sich vor Jahren in Nichts, was man fürchten müsste mit seiner lebenslangen Angst vor dem Tod beschäftigte, hat vor Erscheinen seines neuen Buches angekündigt, dieses werde sein letztes sein. Folgerichtig lautet der Titel Abschied(e). Denn wir verabschieden uns ein Leben lang: von Lebensphasen, von Freunden und Partnern, aber auch, mit dem Älterwerden, vom Vertrauen in die eigenen Erinnerungen und der Vorstellung von einem autonomen ICH. Tiefgehende Abschiede gibt es aber nur von dem, was einem nahe gekommen ist: Menschen, Liebe, Enttäuschungen, aber auch das Alter, Krankheit und Tod. Für Barnes war der Auslöser, sich mit diesen Themen zu beschäftigen, die für ihn völlig überraschende Diagnose einer seltenen Form der Leukämie. „Heilbar ist es nicht, aber beherrschbar“, lautete der lapidare Kommentar der Ärztin.
Der Text beginnt mit Erläuterungen zu dem faszinierenden Phänomen der Flutung des Gehirns mit Erinnerungen durch einen plötzlichen Auslöser, in der Hirnforschung IAM, „Involuntary Autobiographical Memory“, genannt. Im Englischen ist es naheliegend, daraus I AM zu machen und sich mit Erinnerung, Bewusstsein und Identität zu beschäftigen. In leichtfüßiger Manier mäandert Barnes durch Themen der Hirnforschung und verknüpft Gedanken über Liebe, Freundschaft, Verlust, Krankheit und Altern mit autofiktionalen Passagen. Er zitiert Wissenschaftler, Philosophen und Literaten. Da es, wie er schon auf Seite achtzehn verspricht, auch eine Geschichte geben soll, erzählt er von der vertrackten Liebe zwischen Stephen und Jean, Freunden aus der Studienzeit, die er zusammengebracht hatte und denen er schwören musste, niemals über sie zu schreiben. Es folgen Abschnitte über die Entdeckung seiner Erkrankung und die Zeit der genaueren Diagnosen, die Erinnerungen an die Isolation während der Corona-Epidemie hervorrufen. Dann folgt der zweite Teil der Geschichte von Stephen und Jean, und zum Schluss geht es noch einmal um das Thema Abschiede. Dabei zieht er Beispiele aus der Literatur – Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud – und Erfahrungen aus seinem Leben mit Freunden, Partnern, Weggefährten und Schriftstellerkollegen heran.
Gekonnt wie immer verschränkt der Autor auch in diesem Buch unterschiedlichste Themen elegant ineinander und verhindert mit seinem ihm eigenen, mit umfassendem Wissen gepaarten Tonfall aus Lakonie, Melancholie, Nachdenklichkeit und Humor jegliche niederdrückende Schwere. Es gibt nur wenige Schriftsteller, die über das Leben und all seine Höhen und Tiefen mit so unnachahmlichem Understatement, Weisheit und Witz und durchaus auch mal Derbheit zu schreiben vermögen, ohne ins Seichte abzugleiten. Was wie ein beliebiges Durcheinander klingen mag, ist Barnes’ Kunstgriff: Bei der Lektüre entsteht das Gefühl, nicht zu lesen, sondern einem Autor beim Erzählen zuzuhören, der sich am Ende der Geschichte verabschiedet. Aber vergessen wir nicht: Auch Abschied(e) ist Literatur und die hat bekanntlich alle Freiheiten, sich selbst zu widersprechen – hoffentlich.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.