Zum Buch:
Yoriko Shindo ist eine junge Frau, die früh gelernt hat, dass sie sich der patriarchalen Welt in Japan Ende des 20. Jahrhunderts nur anpassen oder mit Gewalt widersetzen kann. Eines Abends wird sie in der Stadt von Männern belästigt und zeigt ihnen, dass sie besser nicht belästigt werden sollte – vier, fünf, sechs von ihnen bringt sie zu Boden, bis sie von einer Glasflasche getroffen wird und in der Zentrale des Yakuza-Clans – der größten mafiösen Struktur Japans – wieder zu Bewusstsein kommt. Sie soll die Leibwächterin von Shoko werden, der Tochter des Bosses. Die unfreiwillige Arbeitsbeziehung der beiden beruht nicht auf gegenseitiger Sympathie. Im Laufe des kurzen und dichten Textes von Akira Otani merken sie aber, dass sie ohne einander der Gewalt der Männer nicht entkommen, und es entspinnt sich eine tiefe Beziehung, die lebenslang hält.
Shoko ist eine Vorzeigetochter des grausamsten Yakuza-Clan-Oberhaupts: Perfekt angepasst, in die Kleider ihrer entflohenen Mutter gekleidet und dem besten Geschäftspartner ihres Vaters zur Heirat versprochen. Shindo begleitet sie zu Teezeremonietrainings und in die Benimmschule –Shoko soll eben eine gute Ehefrau werden. Shindo bringt dieser Angepasstheit nur Verachtung entgegen; sie versteht nicht, wie es sich in einer solchen Welt leben lässt. Das ändert sich zum ersten Mal, als Shoko Shindo mit einer Durchsetzungsfähigkeit, die Shindo ihr nicht zugetraut hätte, vor den Männern des Yakuza-Clans rettet. Die beiden erkennen, dass sie mit unterschiedlichen Mitteln gegen das gleiche System kämpfen: Die allumfassende Macht und Gewalt der patriarchalen Welt, in der sie leben. Keiner der Männer in der Geschichte ist in der Lage, ein anderes Verhältnis zu Frauen auch nur zu imaginieren. Der einzige Yakuza, der Shindo helfen will, kann das nur, indem er ihr die Heirat anbietet, um sie zu zähmen, wie er sagt – er kann sie nur wahrnehmen, indem er sie sexualisiert. Die gesamte Sprache im Buch ist rau, blutig, die explodierende Gewalt erinnert an Exploitation-Filme. Das Buch ist Gangster-Geschichte, Female Revenge und queere Liebesgeschichte, wobei Liebe hier nicht romantisch verstanden wird. Durch die in Szene gesetzte Gewalt wird deutlich, dass die beiden Frauen nur gemeinsam entkommen und nur miteinander eine Zärtlichkeit finden können, die es ihnen ermöglicht, sich zu erkennen.
Der englische Titel des Buches ist noch sprechender als der deutsche: The Night of Baba Yaga. Yorikos Großvater hat ihr früh von den Märchen der Baba Jaga erzählt, in der slawischen Mythologie eine alte Waldhexe von ambivalentem Charakter – als Schnittstelle zwischen Leben und Tod war ihre Rolle die der weisen, zurückgezogenen Frau, die über magische Kräfte verfügt. Erst durch die Christianisierung, in der die Macht einer Frau als bedrohlich gilt, wurde sie in den Märchen zu einer Figur des Bösen oder des Teufels.
Diese Ambivalenz findet sich auch in Yorikos Wunsch wieder, eine Baba Jaga zu werden. Einerseits war die tägliche Gewalt, der sie seit Kindheitstagen ausgesetzt war, der einzig vorstellbare Modus, sich als Frau zu behaupten und durchzusetzen. In der Beziehung zu Shoko verändert sich diese Notwendigkeit, und Yoriko darf plötzlich andere Facetten ihrer Persönlichkeit entdecken. Andererseits bleibt die Kampfeslust in ihr bestehen: Sie war immer Notwendigkeit und Begehren zugleich.
Die Yakuza-Prinzessin ist ein kurzer und intensiver Text. Durch all die Trash-Faktoren, die sich schon im spritzenden Blut auf dem Cover abbilden, zeigt der Text, wie sich zwei Frauen durch ein System von Gewalt kämpfen, um sich ineinander finden zu können und zu erleben, wie es ist, mit sich selbst im Frieden sein zu dürfen. Und wie ein guter Thriller verspricht der Text am Ende noch einen genialen Cliffhänger, in dem alle Nebengeschichten eingefangen werden.
Paula Blömers, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt