Zum Buch:
Es geht wieder ums Ganze – „Totalität“, ein Schlüsselbegriff der kritischen Theorie, ist zurück. Alex Struwe untersucht in seinem gleichnamigen Buch die Geschichte dieses Begriffs und seine Renaissance.
Angesichts der Komplexität gesellschaftlicher Vorgänge galt es lange als absurd, von einem zusammenhängenden Ganzen auszugehen. Viele gegenwärtige Analysen reden wieder von diesem Ganzen der Gesellschaft und versuchen, es zu bestimmen.
Auch Alex Struwe versucht einen Begriff der Totalität zu entwickeln. Er geht dabei aber wesentlich anders vor als in den meisten der gegenwärtigen Gesellschaftsanalysen. Sein Buch präsentiert nicht den einen, richtigen Begriff der Totalität und beweist die anderen als falsch. Es entwickelt seine Position in der kritischen Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Gesellschaftsanalysen. Dabei werden sowohl Theorien berücksichtig, die von einem zusammenhängenden Ganzen der Gesellschaft ausgehen, als auch solche, die das nicht tun. Sich kritisch mit diesen Analysen auseinandersetzen, heißt, zu untersuchen, aus welchen Grundannahmen sie sich ableiten, in welchem gesellschaftlichen Kontext sie entstanden, und darüber dann das Ganze der Gesellschaft zu erkennen.
Durch diese gegenwärtigen Gesellschaftsanalysen kommt das Buch zu Marx. Es wird gezeigt, warum sein Begriff der Totalität ein fundamental anderer ist und inwiefern er sich an der wirklichen Praxis der Menschen orientiert. Die Selbstreflexion des Denkens wird dabei als zentrales Element herausgearbeitet, die es davor bewahrt, in Ideologie überzugehen.
Über die Krise des Marxismus im 20. Jahrhundert wird dann die Entstehung des westlichen Marxismus nachvollzogen. So führt das Buch die Leser*in zu Adorno und seiner materialistischen Gesellschaftstheorie. Es wird klar, dass sich Adornos ideologiekritischer Ansatz aus dem marxistischen Anspruch ableitet, die Praxis und nicht eine abstrakte Idee als Ausgangspunkt der Analyse zu wählen. In Adornos Gesamtwerk kann die sich dialektisch darstellende Wirklichkeit und die sich darin negativ offenbarende Totalität erkannt werden. Auch für Adorno ist die Selbstkritik des Denkens dabei zentral – denn nur durch die Reflexion der Bestimmtheit des Denkens kann die gesellschaftliche Objektivität erkannt werden.
Alex Struwe zeigt in seinem Buch, warum es einen Totalitätsbegriff braucht, er aber auch Gefahr läuft, in Ideologie überzugehen, was Ideologie überhaupt ist und warum es nicht reicht, von Klasse zu reden, wenn man vom Ganzen der Gesellschaft schweigt.
Friedrich Wolff – Buchladen Land in Sicht