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Keine Schriftstellerin der Moderne, ganz gleich ob des 20. oder 21. Jahrhunderts, kann das literarische Schaffen von Gertrude Stein ausblenden. Stein (1874 geboren in Allegheny, Pittsburg, Pennsylvania, 1946 gestorben in Neuilly-sur-Seine bei Paris) gilt als die Schriftstellerin der Avantgarde. Ihre Texte, mit denen sie erst ab 1933 literarisch erfolgreich war, sperren sich gegen eine schnelle, unverbindliche Lektüre. In ihrem Roman widmet sich Deborah Levy dieser faszinierenden Persönlichkeit und bietet Leserinnen wie Lesern ebenso spannende wie unkompliziert zu handhabende Schlüssel zum Verständnis der Werke Steins.
Im Herbst 1903 zieht Gertrude Stein, Tochter deutsch-jüdischer Immigranten, nach einem nicht bestandenen Medizin-Examen zu ihrem Bruder Leo Stein nach Paris in die Rue de Fleurus. Die Eltern Stein sind zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben und haben ihren fünf Kinder ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, von dem die Geschwister leben können, ohne einem Erwerb nachgehen zu müssen.
2025 lässt Deborah Levy ihr Erzählerinnen-Ich in Paris auf den Spuren Gertrude Steins wandeln, sie schreibt an einem Essay über die „Leitfigur der literarischen Moderne“. Die Erzählerin freundet sich in Paris mit zwei Frauen an: Da ist Eva, die die Erzählerin „Eva die fünfte“ nennt, weil die gebürtige Dänin fünf Sprachen spricht, und Fanny, eine erfolgreiche Anlageberaterin, die mindestens drei Geliebte hat.
Die Geschichte der drei Frauen und die Recherche der Ich-Erzählerin zum Leben und Wirken Gertrude Steins laufen zunächst parallel, dann kreuzen und verflechten sie sich. Bilder, die in der Zeitebene von 2025 zum ersten Mal auf einer realen Ebene auftauchen, werden in der Beschreibung der Werke Steins als Allegorien wieder verwendet. Motive tauchen in verschiedenen sprachlichen Kontexten auf und erzeugen voneinander abweichende Stimmungen. Deborah Levy verzichtet auf das theoretische Erläutern der Stein‘schen literarischen Verfahrensweisen, sie wendet sie in ihrem eigenen Roman so an, dass es der Leserin, dem Leser auffallen kann. Ein genialer Trick, denn so lassen sich Wiederholungen und Tautologien in den Texten Steins jetzt „begreifen“.
Wie viel mehr Parallelen zwischen den beiden Zeitebenen noch zu entdecken sind – auch in den Charakteren der Freundinnen und ihren Äußerungen –, soll hier nicht verraten und kann wohl auch kaum zur Gänze ergründet werden. Deborah Levy ist eine wunderbare, fesselnde und gewitzte Hommage an Gertrude Stein gelungen.
Susanne Rikl, München