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Katastrophenzeit

Autor
Neckel, Sighard

Katastrophenzeit

Untertitel
Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation
Beschreibung

Als der emeritierte Soziologe Neckel sein neues Buch kürzlich in der schönsten Frankfurter Buchhandlung vorstellte, meinte eine Buchhändlerin, von den vielen Klimabüchern lagerten die meisten im Laden und verkauften sich nicht. Mit dem herausragenden Buch von Neckel sollte sich das ändern, wenn es noch mit rechten Dingen zuginge in diesem Genre mit seinem Überangebot, denn das sorgfältig argumentierende Buch Neckels verdient größte Beachtung und Respekt ohnehin.

Der Soziologe Sighard Neckel analysiert in nüchterner Klarheit das große Dilemma unserer Zeit: Während der Klimawandel auf eine ökologische Katastrophenzeit zuläuft, stellen Maßnahmen zu seiner Eindämmung eine beispiellose Herausforderung dar, an der moderne Gesellschaften zu scheitern drohen. Klimakonflikte vertiefen soziale Ungleichheiten und die Krise der Demokratie. Der Streit um die Lebensführung bringt soziale Gruppen gegeneinander auf. Reichtumsklassen profitieren weiterhin von der Klimaschädigung. Die Folge: Es passiert zu wenig bis nichts, und die Katastrophe rückt immer näher.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck, 2026
Seiten
256
Format
Broschur
ISBN/EAN
978-3-406-84627-4
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Sighard Neckel ist Soziologe und Professor emeritus für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg. Von 2019 bis 2023 war er Sprecher der dortigen DFG-Kolleg-Forschungsgruppe “Zukünfte der Nachhaltigkeit”, an der er seither als Permanent Fellow tätig ist.

Zum Buch:

Als der emeritierte Soziologe Neckel sein neues Buch kürzlich in der schönsten Frankfurter Buchhandlung vorstellte, meinte eine Buchhändlerin, von den vielen Klimabüchern lagerten die meisten im Laden und verkauften sich nicht. Mit dem herausragenden Buch von Neckel sollte sich das ändern, wenn es noch mit rechten Dingen zuginge in diesem Genre mit seinem Überangebot, denn das sorgfältig argumentierende Buch Neckels verdient größte Beachtung und Respekt ohnehin.

Die Warnung vor dem fortschreitenden Klimawandel und seinen absehbaren Folgen haben bereits den deutschen Geheimdienst BND erreicht. Der Dienst warnt wie jedes andere Medium vor den Gefahren, die von der Erderwärmung für das Klimasystem und die damit verbundenen Folgen für ältere Menschen, die Landwirtschaft, die Wasserversorgung ausgehen. Freilich entwirft der Soziologe Neckel kein Horror-Szenario, sondern analysiert die Lage nüchtern und fragt sich, ob der Begriff Klimakrise die tatsächliche Lage noch zutreffend beschreibt. Denn ein Ende der Krise ist ebenso wenig absehbar, wie Mittel zu ihrer Beendigung schnell verfügbar erscheinen. Verschärfend wirkt auf die Dynamik der ökologischen Krise, dass sie überlagert wird durch andere Krisen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Natur und Herkunft, die zusammen das ganze System der Gesellschaft bedrohen. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März 2021 wurde die Klimaerwärmung zum Ernstfall erklärt und die Verantwortung für die Folgen und den Schutz der Bevölkerung davor heute und in Zukunft dem Staat übertragen. Das Urteil steht im Gegensatz zur medialen Debatte, denn im Unterschied zu dieser betont es nicht die Mittel individueller Vorsorge mit dem aus den USA übernommenen Kriterium der CO2 Fußabtritts, den jede Person mit ihrem Konsum und ihrem Mobilitätsverhalten hinterlässt. Neckel bemerkt richtig, dass dieses Kriterium die Dimensionen des Problems verzerrt, was zu Fehlschlüssen führt, weil es Probleme der Lebensführung, die auf individuellen materiellen Verhältnissen beruhen und damit den sozial bedingten, unumgänglichen „Notwendigkeitsgeschmack“(Pierre Bourdieu) verfehlen.
Die Suche nach individuellen Sündenböcken für die Verursachung von Klimaschäden ist aus soziologischer Sicht ebenso vergeblich wie die Konzentration auf Einzelne oder soziale Gruppen bei der Beschreibung der Mittel zur Vermeidung von ökologischen Schäden oder Abwendung von Katastrophen. Beide können nur kollektiv in Angriff genommen werden, denn „die Menschheit als solche hat die Erdgeschichte in ein Zeitalter verwandelt, in dem die humanen Kräfte der Natur unwiderruflich ihren Stempel aufgedrückt haben“, wie Neckel schreibt. In der Fachliteratur heißt dieses erdgeschichtliche Zeitalter „Anthropozän“ und umfasst Millionen von Jahren. Einzelne Forscher wie z.B. Jason W. Moore sprechen vom „Kapitalozän“, weil die auf der Ausbeutung der Natur und der menschlichen Arbeitskraft beruhende Gesellschaft erst im 18. Jahrhundert die Stufe der profitorientierten Warenproduktion im großen Stil erreichte und damit eine genuin zerstörerische Kraft gegen die Ressource Natur erlangte. Neckel schließt sich dieser Terminologie von Moore nicht an, weil sie auf eine Synthese von Natur und Gesellschaft hinausläuft, die die Eigenlogik biophysischer Prozesse verkennt. Das Konzept des „Novozäns“ (James Lovelock), wonach Menschen, weil sie die Natur ruiniert hätten, sie auch wieder reparieren könnten, ersetzt aber nur die alte Fortschritts- durch eine neue Technikgläubigkeit, getragen von KI und Robotik und Genmanipulation.

Der Begriff Nachhaltigkeit, der aus der Forstwirtschaft stammt, hat sich in relativ kurzer Zeit durch seinen fast beliebigen Gebrauch fast entleert und ist zum konturlosen Schlagwort verkommen. Der Rationalitätskern von Nachhaltigkeit, auf dem Neckel jedoch besteht, umfasst zwei Prinzipien:1. Regenerativität, d.h. der Verbrauch von natürlichen Ressourcen und deren Erhaltung in der Zukunft müssen im Gleichgewicht sein. 2. Potenzialität. Sie folgt logisch aus dem ersten Prinzip, denn Erhaltung und Nutzung von Natur müssen für die Entwicklungschancen bewahrt werden. Im nächsten Schritt entwickelt Neckel die Pfade der Nachhaltigkeit: Modernisierung, Transformation und Kontrolle, sie lassen sich analytisch unterscheiden, verschränken sich aber in der Realität und haben alle ihre Grenzen und Defizite.

Der Handel mit CO2–Zertifikaten bildet ein effizienzsteigerndes Mittel ökologischer Modernisierung, bleibt aber befangen im Vorrang von Märkten und enthält nichts, was die soziale Ungleichheit bei der Verteilung der Kosten ökologischer Schadensverursachung kompensiert. Auch das Konzept Green Growth und Green Deal z. B. bleibt im Bann wirtschaftlichen Wachstums und der entsprechenden Ideologie sowie den Umwelt- und Wachstumszwängen mit ihren Folgen stecken, die nur durch radikale institutionelle Veränderungen zu überwinden wären.

Konflikte um Nachhaltigkeit sind immer auch soziale Konflikte, denn es geht um Vorteile und Privilegien der ökonomisch Stärkeren gegenüber den Normalbürgern und ökonomisch Schwächeren. Das Dilemma der sozial-ökologischen Politik beruht darauf, dass alle großen Probleme gleichzeitig auftauchen und einer Lösung harren, wenn die Klimakatastrophe verhindert werden soll: Umstellung des Finanzsektors, Rettung der biodiversen Landwirtschaft, Dekarbonisierung der Wirtschaft, emissionsarme Energieversorgung, weltweiter Gewässer- und Landschaftsschutz, ökologischer Umbau von Städten, schadstoffarme Mobilität und demokratisch legitimierte Klimagovernance u.v.m. überfordern aber jede Regierung. Als Ausweg aus den sozialökologischen Dilemmata plädiert Neckel für einen Green new New Deal durch einen „Infrastruktursozialismus als letzte Oase, die angesichts der Verwüstung der Erde noch bleibt“.

Rudolf Walther, Bad Soden am Taunus