Zum Buch:
„Gibt es vielleicht irgendeine Möglichkeit, von Ihnen ein Glas Wasser zu bekommen?“
Mit dieser zögernd vorgebrachten Bitte betritt der damals achtzehnjährige Chris Blackwell die windschiefe Hütte eines Rastafari, nachdem er vor Tagen mit seinem Boot an der Südküste Jamaikas gestrandet und meilenweit durch den dichten Dschungel geirrt war. Das es Rastafaris gab, wusste Chris natürlich. Nur gesehen hatte er noch keinen. Siebzehn Jahre später wird er den Sänger und Songreiter Bob Marley entdecken und ihm zu Weltruhm verhelfen, doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.
Chris Blackwell, zu jener Zeit ein „antriebsloser, angloirisch-jamaikanischer“ Internatsschüler, wie er sich in seiner Autobiografie selbst beschreibt, schlägt sich 1955 mit Gelegenheitsjobs durch und weiß ansonsten nicht wirklich viel mit sich anzufangen. Es ist die Zeit des Umbruchs, in der sich der karibische Inselstaat auf seine Unabhängigkeit vorbereitet. Alles ist möglich. In der Folge verdingt sich Chris, der stets in Flip-Flops und Shorts unterwegs ist und sich früh den Ruf eines Rebellen zugelegt hat, als Klimaanlagenverkäufer und Wasserskilehrer und lässt sich dafür bezahlen, nach Drehorten für den ersten James-Bond-Film Ausschau zu halten.
Seine Erfolgsgeschichte beginnt damit, dass er die Konzession für eine damals erst populär gewordene Wurlitzer-Jukebox ergattert, die er bald darauf rund um die Insel vermietet. Was ihn jedoch von seinen Konkurrenten unterscheidet: Er begibt sich regelmäßig auf die Jagd nach immer neueren, immer ausgefalleneren Interpreten – und lernt so herauszufinden, welche Art von Musik die Leute mögen. Der Gedanke, in eigener Regie Platten zu produzieren, lässt dann auch nicht lange auf sich warten, und berühmte Namen wie Marianne Faithful, Peter Tosh, Cat Stevens, Grace Jones, Tom Waits oder Bands wie Ultravox oder U2 wären heute wenig, noch wahrscheinlicher aber gar nicht erst bekannt geworden.
Aber bei Chris Blackwells Biografie geht es keineswegs um bloßes Namedropping, das wäre ihm zu langweilig gewesen, es ist vielmehr die hervorragend unterhaltsam und flüssig geschriebene Geschichte eines unkonventionellen jungen Mannes aus betuchtem Elternhaus, der sich auf seine ganz eigene Art und Weise gegen die Regeln stemmt und dabei sein Ziel nicht aus den Augen lässt.
Es ist eine Hommage an die gute alte Schallplattenzeit und gleichzeitig ein Stück gelebten Lebens, das voller überraschender Wendungen steckt. Wenn Chris Blackwells Autobiografie frei erfunden wäre, so wäre das auch nicht so schlimm – der absolute Lesegenuss bleibt bestehen.
Axel Vits, Köln