Zum Buch:
Weltenwechsel erzählt die Geschichte dreier Generationen Frauen im Nachkriegsdeutschland, von 1945 bis in die 70er hinein, aus der in der deutschen Nachkriegsliteratur sträflich vernachlässigten Perspektive des Schwarzen „GI-Kindes“ vor dem Hintergrund der schleppenden Aufarbeitung der NS-Zeit und des gleichzeitigen Aufbruchgefühls.
Das Buch begleitet Julia, ihre Mutter und ihre Großmutter und erzählt aus allen drei Perspektiven, mit dem Fokus auf Julia. Einen wichtigen Teil nimmt Julias Oma ein, die sich bemüht, ein sicheres Umfeld für Julia zu schaffen. Im Streben nach einem neuen, lebenswerten Leben, nach weniger Abhängigkeit von Männern finden sie immer wieder zusammen – im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus hingegen bleibt Julia allein. Geht es im ersten Teil des Buches noch um die Umbrüche im Leben der Oma und der Mutter, die einen Schwarzen GI-Offizier kennenlernt und von ihm schwanger wird, fokussiert das Buch in den folgenden Teilen immer mehr auf Julia. Als Kind zieht sie mit Mutter und Oma nach Heidelberg und erlebt dort eine kurze Phase relativer Unbeschwertheit in einem „bunten Haus“, voller Nachbar*innen, die ihre ganz eigenen Perspektiven mit einbringen. Die zahlreichen Nebenfiguren sind eine große Stärke des Textes, werden durch sie doch zahlreiche Themen und Konflikte der Nachkriegszeit angerissen. Aber je älter Julia wird, desto stärker, konkreter und benennbarer wird ihre Auseinandersetzung mit dem Rassismus, den sie erlebt. Dabei hilft zum einen eine Kindheitsfreundin, zum anderen ihre spätere Politisierung und die Kontakte zu Schwarzen Studierendenbewegungen.
In ihrem Debüt-Roman greift Marion Kraft ihre politische und literaturwissenschaftliche Arbeit zu den Perspektiven Schwarzer Frauen auf und integriert sie mühelos in einen Text, der geschichtliche Realität in der Fiktion verhandelt. Die genaue und klare Sprache des Romans schafft eine Nähe zu den Figuren und lässt gleichzeitig Raum, ihn als historisches Zeugnis zu lesen. Das schafft eine Spannung, die durch den gesamten Text trägt.
Gerade im deutschen Raum hat so ein Roman bisher immens gefehlt. „Denn die Auseinandersetzung mit schwarzen Frauen aus Afrika, Lateinamerika und den USA, die Rezeption schwarzer Frauenliteratur aus anderen Ländern und der Verweis auf dort herrschende Formen von Rassismus scheint vielen Weißen ungleich leichter zu fallen, als die Zurkenntnisnahme schwarzer deutscher Frauen und das Bewusstmachen rassistischer Tendenzen im eigenen Land“, schreibt Marion Kraft an anderer Stelle. Der Roman schließt zumindest einen Teil dieser Lücke und kann so die Erinnerung an die Nachkriegs-BRD verändern – und ist gleichzeitig ein großartiges Stück Literatur !
Lesenswert ist auch der Essay von Marion Kraft, aus dem zitiert wurde: https://t1p.de/essaykraft
Paula Blömers, autorenbuchhandlung marx&co, Frankfurt